Hitachi: Nachbargemeinden mit ungleichem Ziel

Das frühere Jelmoli-Areal in Otelfingen. Der von unserem Gemeinderat favorisierte Campus-Standort. Bereits eingezont und überbaut, mit eigener S-Bahn-Station, guter Strassenerschliessung und grossvolumigen Bauten zum Umbauen und Umnutzen. Bild: wübli

Wohin kommt die Konzernzentrale von Hitachi Energy? Bald ein halbes Jahr dauert das Rätselraten schon, wo der Campus mit Arbeitsplätzen für angeblich bis zu 3000 Beschäftigte errichtet werden wird. Jetzt stehen wichtige Entscheide an. Welcher Standort das Rennen machen wird, entscheidet sich nicht nur  auf lokaler oder regionaler Ebene. Und die Chancen, dass Wettingen im Standortwettbewerb gewinnt, sind in jüngster Zeit nicht unbedingt gestiegen.

Eher schlecht passt das Vorhaben von Hitachi Energy, seine Konzernzentrale in der Schweiz in einem grossen Campus zu konzentrieren,  zu der von Vorsicht geprägten  wirtschaftlichen Grosswetterlage. Man denke nur an die Unzuverlässlichkeit des amerikanischen Präsidenten Trump mit seiner Hüst und Hott-Zollpolitik. Oder an die Unterbrechung wichtiger Lieferketten wegen des Seilziehens um die Strasse von Hormuz.

Auch national gibt’s Unwägbarkeiten. So stimmt das Schweizer Stimmvolk am 14 Juni, also in knapp einem Monat, über die Initiative «keine 10-Millionen Schweiz» ab. Im neuen Campus würden rund 1000 Arbeitsplätze diverser Hitachi-Standorte In der Schweiz konzentriert, rund 2000 Arbeitsplätze wären neu zu schaffende. Die Neuansiedlung so vieler Arbeitsplätze im erfolgreichsten Wirtschaftsraum der Schweiz steht im Gegensatz zum Ziel der chancenreichen Initiative: keine Schweiz, die sich in  endloser Verdichtung befindet.

Ein Hitachi-Campus mit Aberhunderten neuer Arbeitsplätze wird auf jeden Fall auch mehr Grenzgänger bedeuten und die problematische Mehrbelastung deren Anfahrtswege verschärfen.

Eine Zerstörung von Naturräumen im dicht besiedelten Limmattal, wie sie das Hitachi-Campus Wettingen darstellt, ist ein Frevel. Vor- und Nachteile eingerechnet, ist der volkswirtschaftliche Nutzen nicht so gross, wie in Aussicht gestellt wird. Und nebenbei bemerkt: wie die Faust aufs Auge passt dieser Campus zu Wettingen, der Stadt, die lieber Dorf sein will.

Das erweiterte Limmattal gehört zum Millionen-Zürich, das boomt wie nur wenige andere Wirtschaftsräume im Land. Der Arbeitsmarkt ist ebenso ausgetrocknet wie der Wohnungsmarkt. Es ist eine hohle Phrase zu sagen, dieser Campus sichere unserer jungen Generation die Zukunft. Ein junger Mensch, der den Anforderungen eines internationalen Techkonzerns zu genügen vermag, wird im Millionen-Zürich auch ohne Hitachi nicht lange stellenlos sein. Und die anderen bleiben auch mit Hitachi auf der Strecke.

Die Lobby für den Campus in Wettingen hat in den ersten Monaten des Standortwettbewerbs immer wieder betont, die Tägerhardächer neben der Sportanlage Tägi seien der absolut bestgeeignete Standort und breitest akzeptiert. In Würenlos allerdings bildete sich eine bis ins Lager der bürgerlichen Parteien reichende Campus-Gegnerschaft (siehe blauer Text am Ende).

Gegen den Campus in der Tägerhardächern, so wurde der Eindruck erweckt,  gebe es nur diese eine Opposition aus Würenlos – die schrulligen Aargauer aus dem Furttal eben. «Mit Ausnahme von Würenlos steht die ganze Region, inklusive Planungsverband Baden Regio, hinter uns», posaunte Wettingens neuer Gemeindeammann Markus Haas (FDP) im Badener Tagblatt vom 6. Mai. Nur Tage später wusste es die ganze Region besser: Würenlos stand schon damals und steht auch jetzt nicht allein.

Der Gemeinderat Neuenhof hatte Ende Februar in der Vernehmlassung zur Richtplanänderung für den Campus geschrieben, die Überarbeitung des Regionalen Sachplans «Sulperg-Rüsler» lehne man zum aktuellen Zeitpunkt ab. Nach Haasens peinlicher Schönfärberei doppelten die Neuenhofer in schärferem Ton nach: Es könne keine Rede sein, dass nur eine Nachbargemeinde (Würenlos) klar ablehne. «Wir lehnen das Projekt derzeit klar ab.»

Es fehle weiterhin ein verbindlicher Standortentscheid des Investors, «so dass eine Richtplanfestlegung auf unsicherer Basis einer unzulässigen, spekulativen Vorfestlegung gleich käme. «Die Kombination aus aus nicht erfüllten Zulässigkeitskriterien und fehlender planerischer Reife macht die Anpassung unverhältnismässig und rechtsfehlerhaft

Auch der Gemeinderat Killwangen schlug in seiner Medienmitteilung zur Richtplananpassung «Tägerhardächer» kritische Töne an. Man stimme der Richtplananpassung nur mit klaren Vorbehalten zu und lehne die Anpassung des regionalen Sachplans Landschaftsspange Sulperg–Rüsler vorerst ab. Erheblicher Klärungs- und Verbesserungsbedarf bestehe bezüglich Verkehrsbelastung,  öffentlicher Verkehr und  Parkierung. Der Grüngürtel der Landschaftsspange sei für die Region von grosser Bedeutung, der vorgesehene Eingriff toleriere der Gemeinderat nur als Ausnahme, welche nicht Schule machen dürfe.

Falls der Hitachi-Campus nach Wettingen käme, befürchten Würenlos, Neuenhof und Killwangen eine Verkehrszunahme auf Strasse und Schiene, welche die heute schon bestehende Überlastung des Verkehrsnetzes arg verschlimmern werde.

Die Bevölkerung der ganzen Region wurde bisher nur vage über die Pläne von Hitachi informiert. Der Regionalplanungsverband Baden Regio schwadroniert in in einer Medienmitteilung vom 19. März zum Beispiel über eine «ÖV-Haltestelle Tägerhard», deren Realisierung höchste Priorität habe. – Sind darunter höhere Haltekanten für die Busse gemeint, eine Haltepunkt für die verlängerte Limmattalbahn oder gar die S-Bahn-Haltestelle?

Auch mit Behauptungen wider besseres Wissen sollen die Befürchtungen der abweichenden Gemeinden entkräftet werden: Der Grünliberale Orun Palit ist Wettinger Gemeinderat und Finanzvorstand. Er sagte laut Badener Tagblatt vom 18. März: «Wenn Hitachi Energy nach Otelfingen käme, gäbe es in Sachen Verkehr das gleiche Problem.» Palit verschweigt diskret, dass der Standort Otelfingen seit Jahrzehnten direkt neben einer S-Bahn-Station liegt.

In Wettingen dagegen von einer S-Bahn-Station Tägerhard keine Spur. Seit Jahrzehnten wird davon gesprochen, doch kein Finger dafür gerührt. Ein entscheidender Standortnachteil. Eine Station für die S-Bahn Zürich mit ihren langen Zügen ist ein teurer Spass und die Planung erfordert viel Zeit. Zudem passt ein zusätzlicher Halt der S6  nicht ins Fahrplangefüge der SBB.

Man dürfte eigentlich annehmen, dass Hitachi, die Standortgemeinde und der Kanton Aargau einen Grossteil der Kosten tragen wird, als Preis dafür, über 10 Hektaren Kulturland und Naturflächen auf Dauer zerstören zu dürfen. Und auch, um den Bau der Haltestelle zu beschleunigen. Aber die Aargauer Standortförderin Verena Rohrer (BT vom 6. Mai) tempiert schon Hoffnungen ab,  die im Richtplan festzulegende S-Bahn-Haltestelle stehe bei Fertigstellung des Campus bereit. Vorerst setze man auf Sofortmassnahmen wie  eine Taktverdichtung der Buslinien oder Shuttlebusse zu den Bahnhöfen Baden, Wettingen, Würenlos und Killwangen-Speitenbach. Guet Nacht am Foifi!

Und die S-Bahn-Haltestelle ist ja nicht der Gipfel des Wunschkataloges. Praktisch jede Organisation, die sich – wenn auch mit Vorbehalten – für den Campus ausspricht, verfolgt Partikularinteressen. Umweltverbände wollen die bedrohte Kreuzkröte und den Neuntöter retten und das mit einer 350 Meter langen Überdeckung des Autobahnzubringers beim Handwerkerzentrum Peterhans. Der kantonale Bauernverband stellt Forderungen, die Wettinger Landwirte  wollen Realersatz für ihre Produktionsflächen. Womöglich gar, und das wäre der Gipfel, in Würenlos.

Es erstaunt, wieviel die Lobby für Wettingen bereit ist, den Interessen eines internationalen Grosskonzern zu opfern. Und wie viel Vertrauen man ihm entgegenbringt. So wird nicht hinterfragt, ob die über 3000 Arbeitsplätze bis zur Vollendung des Campus überhaupt Wirklichkeit werden oder ob es am Schluss halt doch nur 1000 sein werden. Aber sei’s drum.

In Konkurrenz zu den Tägerhardächern steht das fast gleich grosse ehemalige Jelmoli-Areal in Otelfingen – heute im Eigentum der Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie rasch eine Betriebsstätte, die speziell für ein Unternehmen oder eine  Branche konzipiert wurde, ihre Bedeutung verliert, wenn sich die äusseren Umstände ändern. Jelmoli gibt’s als Warenhauskette und Versandhändler längst nicht mehr.

Zukunftsgerichtet und Ressourcen schonend ist es, solche Firmenareale, die ihren ursprünglichen Zweck verloren haben, durch bauliche Anpassungen attraktiv für neue Nutzer zu machen – ohne unnötig Bausubstanz zu vernichten oder gar unüberbaute Flächen anzutasten. Das würde in Otelfingen passieren; geschützte Bauteile würden innen umgebaut, andere durch Neubauten ersetzt. Die Dorfbevölkerung habe auf dieses Konzept sehr positiv reagiert, zitiert die «Limmatwelle» vom 19. März 2026 Otelfingens Gemeindepräsidentin und GLP-Nationalrätin Barbara Schaffner.

Dass der Würenloser Gemeinderat in seltener Einmütigkeit Hitachi das Areal im zürcherischen Otelfingen als neuen Standort empfiehlt, ärgert im Aargau viele. Doch der Standort knapp ausserhalb der Kantonsgrenze kann jedem Vergleich mit den Tägerhardächern standhalten, zumal er in wichtigen Punkten klar besser abschneidet.

Der Standort befindet sich bereits in einer Bauzone, ein vorgängiges Richtplanverfahren entfällt. Die Verkehrserschliessung ist eindeutig besser: Ein unschätzbarer Vorteil ist die bereits bestehende S-Bahn-Haltestelle unmittelbar nebenan. Zudem führt der Autobahnzubringer – anders als in Wettingen – sehr nahe am Areal vorbei und selbst die grossen Parkfelder des Golfplatzes und etliche Logistikfirmen generieren kaum Staus. Solche bilden sich erst vor der Furttalkreuzung.

Die Wettinger Lobby mag die niedrigeren Unternehmensteuern im Aargau ins Feld führen. Aber aus steuerlichen Gründen mögen einige Firmen den Kanton Zürich in letzter Zeit gemieden haben, doch  Weltkonzerne wie Google, IBM oder andere haben deswegen noch nicht die Flucht ergriffen.

Ende dieses Monats Mai dürfte der aargauische Grosse Rat den Richtplan im Sinne von Hitachi ändern. Der Standortentscheid von Hitachi Energy könnte anschliessend nicht lange auf sich warten lassen. Dann wird sich entscheiden, ob die Kreuzkröten und Landwirte in den Tägerhardächern noch länger ein Plätzli finden.

Beherzter Widerstand

Als im Sommer letzten Jahres bekannt wurde, dass ein grosser Konzern seine schweizerische Zentrale möglicherweise in den Tägerhardächern neben der Sportanlage Tägi bauen wolle und  ein halbes Jahr später der Schleier des Geheimnisses über dem Namen des Konzern gelüftet wurde, realisierten aufmerksame Würenloser schnell, dass ihre Gemeinde vom Hitachi-Campus vor allem Nachteile zu befürchten hätte.. Hinter den Kulissen wurden kritische Stimmen laut.

Würenlos ist eine beliebte Wohngemeinde mit solidem Gewerbe und geordneten Finanzen. Ein zusätzlicher Bevölkerungsdruck wegen des Campus hätte Nachteile. Bereits jetzt geben die hohen Immobilienpreise und Mieten zur Besorgnis Anlass. Die Verdrängung von gut eingelebten Bevölkerungsteilen ist keine Fiktion.

Würenlos strebt nicht Wachstum um jeden Preis an, wie es das Wettingen aus purer Finanznot tut. Von 2020 bis 2025 stieg die Bevölkerung in der Gemeinde um 550 Personen auf 7068 Personen. Schon das war vielen Würenloserinnen und Würenlosern zu viel. Das Dorf hat sich mehrmals für eine moderatere Siedlungsentwicklung ausgesprochen als dem Kanton vorschwebt. Als sich die Gemeinde anschickte, ihre Allgemeine Nutzungsplanung zu revidieren, trug der Gemeinderat dieser Grundstimmung Rechnung. Dann lichtete sich der Schleier um Hitachi Energy und ihre Pläne.

Gemeindeammann Toni Möckel (parteilos) und Ex-Vizeammann Johannes Gabi (SVP) traten  Ende 2025 als erste kampfbereite Gegner des  Campus in Wettingen in den Medien an die Öffentlichkeit. Im Laufe weniger Monate können sie zwar nicht die ganze Bevölkerung ihres Dorfes hinter sich scharen, aber mit ihrem beherzten und offenen Eintreten für Natur und Landschaft gewinnen sie in ihrer Gemeinde und darüber hinaus Sympathie und Unterstützung.

Als der Gemeinderat Würenlos in seltener Einmütigkeit bekanntgibt, er werde den Campus Tägerhardächer notfalls bis vor Bundesgericht bekämpfen und Hitachi den Standort Otelfingen empfehlen, löst das in allen Nachbargemeinden – auch in Wettingen – viele positive Reaktionen aus. Auch nationale Medien greifen den Standort-Wettstreit zwischen zwei Nachbargemeinden in zwei Kantonen auf.

Lieber Geldsegen als Grüne Lunge

Vom Tägi-Parkplatz  bis fast zur Furttalstrasse (Grenze Würenlos) reicht das Kulturland (grün mit weissem Punkt) das Hitachi Energy zum Bau der Konzernzentrale im Baurecht abgetreten werden soll. 

2012 beschlossen Wettingen, Würenlos, Neuenhof und Killwangen zusammen mit dem Kanton den regionalen «Sachplan Landschaftsspange Rüsler-Sulperg». Zur Freihaltung des letzten grossen Grüngürtels im Limmattal. Nun will Wettingen einen grossen Teil davon opfern für die Ansiedlung eines grossen Industriekonzerns mit rund 3000 Arbeitsplätzen. Was möglicherweise Wettingen aus dem finanziellen Dauerschlammassel hilft, nimmt keinerlei Rücksicht auf die Nachbargemeinden. Würenlos sollte auf Gegenkurs gehen, will es seine eigenen moderaten Entwicklungsziele nicht aus den Augen verlieren. 

Mit viel Euphorie ist dieser Tage in Wettingen das Geheimnis gelüftet worden, welcher Konzern auf dem Kulturland direkt anschliessend an die Sport- und Freizeitanlage Tägi seine Zentrale mit bis 3200 Arbeitsplätzen erstellen will. Wie das «Badener Tagblatt» (Link leider nur für Abonnenten) berichtete,  gab an der Ortsbürgergemeindeversammlung  die Leiterin der kantonalen Standortförderung, Verena Rohrer, bekannt, es handle sich um den  Konzern Hitachi Energy. Die Firma ist mit einer kleineren Niederlassung bereits ortsansässig.

«Es wäre eine Riesenchance für Wettingen, die Region und den Kanton Aargau» frohlockte Rohrer  im Chor mit den vor Vorfreude auf den Geldsegen trunkenen Wettinger Ortsbürgern, dem Gemeindeammann Roland Kuster (Die Mitte) und dem kantonalen Finanzdirektor Markus Dieth (Die Mitte). Die Ortsbürger beschlossen,  Hitachi Energy zwei ihrer Parzellen im Baurecht abzugeben. Ende 2026 wird auch  der Wettinger Einwohnerrat die noch taufrische Nutzungsplanung für den Hitachi-Campus teilrevidieren müssen.

Da  noch zwei weitere Standorte im Rennen sind um den Konzern-Campus (wie toll diese Bezeichnung!), geht Wettingen aufs Ganze. Dem noch vagen Geldsegen wird nichts weniger als die Landschaftsspange Rüsler-Sulperg geopfert – der Streifen zwischen den Höhenzügen Heitersberg und Lägern, der einst als unentbehrliche Grüne Lunge für das stark überbaute Limmattal gesichert worden ist (siehe Kasten). Das Nachsehen haben vor allem Wettingens direkte Nachbargemeinden wie Würenlos. Hier, aber auch in Neuenhof, regt sich nun Widerstand. Denn wir laufen Gefahr, über den Tisch gezogen zu werden. 

Blick zurück: Gleich neben dem Handwerkercenter Peterhans auf Würenloser Boden klaffte eine grosse Kiesgrube.  Karls kühne Gassenschau feierte da mit ihrer Show «Aqua» Triumphe. Nun wurde die Grube aufgefüllt und wird grösstenteils wieder in Kulturland zurückverwandelt. Eine ökologische Ausgleichsfläche, gespiesen durch ein Bächein aus dem Gebiet Bifig soll Lebensraum für seltene Amphibien, Insekten und Vögel bieten – ganz im Sinne der Landschaftsspange. Würenlos hätte diese Ausgleichsfläche gerne etwas grosszügiger gestaltet und gleichzeitig provisorische Parkplätze der Firma Petershans am Rande der Kiesgrube in ein Definitivum gewandelt. Doch beiden Ansinnen schob der Kanton einen Riegel. Es müsse soviel landwirtschaftlich nutzbares Land wie möglich auf der Fläche der Kiesgrube zurückgewonnen werden.

Und nun soll gerade ennet der Gemeindegrenze Kulturland im grossen Stil zubetoniert werden für ein grosses Bauvorhaben. Wie rechtfertigt der Kanton seine offensichtlich widersprüchliche Praxis? 

Einer den diese Entwicklung massiv stört, ist der frühere Gemeinderat und Vizeammann Johannes Gabi (SVP). In einer Zuschrift fährt er der Nachbargemeinde hart an den Karren. «Damit können sie ihren Steuerfuss weiterhin tief halten und ihre grosse Verschuldung eliminieren. Unterschriebener Sachplan, Natur und Umwelt sind offenbar nicht so wichtig, wenn es ums grosse Geld geht. Auch der Kanton hat da offenbar Geld gerochen und findet seine ursprünglichen Landschaftsschutz-Absichten offenbar nicht mehr so wichtig. Es geht um eine riesige Fläche. Soll man wirklich alles zubauen nur des Geldes wegen?»

Schützenhilfe erhält er vom jetzigen Gemeindeammann Toni Möckel (parteilos), der in etlichen Gremien, in denen er von Amtes wegen sitzt, den Warnfinger erhoben hat. Denn Gabi wie Möckel stört am Wettinger Goldesel mehr als nur die Preisgabe der Landschaftsspange. «3000 Arbeitsplätze werden das Verkehrschaos im Limmattal zusätzlich vergrössern.» Zwar ist eine zusätzliche S-Bahn-Haltestelle Tägi geplant. Aber mit dieser könne man das Problem niemals lösen. Man wisse ja gar nicht, woher überall die Tausenden von Beschäftigten kommen werden, sagt Möckel. 

«Und was ist mit den Bauern, die diese grossen Flächen bis jetzt gepachtet haben?», fragt Gabi. «Da wird dann schnell ein Betrieb nicht mehr lebensfähig sein.» Es wäre gut, wenn sich da möglichst viele Leute gegen diese Pläne zur Wehr setzen und ihren Unmut äussern würden, sagt Gabi.– Mit den betroffenen Bauern wird laut «Badener Tagblatt»  das Gespräch gesucht. Sehr wahrscheinlich ist, dass ihnen Realersatz angeboten wird. Auf der wiederaufgefüllten Kiesgrube in Würenlos? Ein Schelm, der Böses dabei denkt…  

Würenlos wird sich auch weiteren Folgeerscheinungen der Konzernansiedlung kaum entziehen können:  Noch mehr Staus auf den sich in unserem Dorf kreuzenden Strassenverkehrsachsen. Und der Wohnraum in der Region wird sich zusätzlich verknappen, und zwar im höheren wie – wegen der im Campus geplanten Produktionsabteilungen – auch im preisgünstigen Bereich. Das Wettinger Entwicklungsziel, Wachstum um jeden Preis, steht in krassem Gegensatz zum mehrheitlichen Wunsch der Würenloser Bevölkerung nach einem nur noch sehr moderaten Wachstum der Gemeinde in den kommenden Jahren.

Noch habe sich der Gemeinderat Würenlos noch nicht offiziell gegen die Wettinger Pläne ausgesprochen, sagt Gemeindeammann Toni Möckel. Aber er hoffe, es komme noch dazu. Denn der Gemeinderat könnte mit einem Nein zur Änderung de Sachplans Landschaftsspange bzw. mit einem allfälligen Rekurs das ganze Ansiedlungsprojekt blockieren. Und von ähnlichen solchen Projekten weiss man, dass Investoren zeitliche Verzögerungen gar nicht lieben und auf andere Standorte ausweichen. Gleichzeitig steht auch die Befürchtung im Raum, der Grosse Rat, der einer für das Campus-Projekt notwendigen Richtplanänderung auch noch zustimmen muss, könnte die Rechte einer oppositionellen Gemeinde wie Würenlos aushebeln.        

Der Sachplan Landschaftsspange Sulzberg-Rüsler

Im Juni/Juli 2012 beschlossen die vier Gemeinden Wettingen, Neuenhof, Killwangen und Würenlos, diesen Sachplan, der noch 2012 in dieser Form vom Aargauer Regierungsrat genehmigt worden ist. Erarbeitet worden ist der Sachplan von einer Arbeitsgruppe unter Vorsitz des heutigen Finanzdirektor Markus Dieth, damals Gemeindeammann von Wettingen und  Präsident von BadenRegio. 

Der Planungsraum umfasste 2012 ein Gebiet von etwa 400 Hektaren, wovon mehr als die Hälfte Landwirtschaftsland und Wald. Nur ungefähr 20% waren Siedlungsgebiet, Verkehrsflächen und Kiesgruben. Die vier Gemeinden verpflichteten sich, für die Landschaftsspange langfristig Raum und kommunalen Rückhalt sicherzustellen.

Entstehen sollte ein von Siedlungselementen möglichst frei gehaltener Grünraum im dichtbesiedelten Limmattal. Landschaftliche Zusammenhänge sollten wieder hergestellt und erlebbar gemacht werden. Die landwirtschaftliche Produktion sollte erhalten und gestärkt und mit den Bedürfnissen der erholungssuchenden Bevölkerung abgestimmt werden.

Beschlossen wurde zum Schluss Folgendes: Falls spätere Projekte die Grundsätze und Ziele des Sachplans gefährden sollten, sei der Sachplan vorgängig anzupassen bzw. abzuändern. Dafür gelte das gleiche Verfahren wie zur Erstellung des Sachplans. – Daraus leiten die Kritiker aus Würenlos vermutlich  zu Recht ab, dass alle vier Gemeinden die Änderungen beschliessen und der Regierungsrat diese Beschlüsse genehmigen muss. Dass nicht alle vier Gemeinden zustimmen werden, liegt durchaus im Rahmen des Möglichen.

Budget 2026 mit dem Steuerfuss 97% genehmigt

Die letzte Gemeindeversammlung der Amtsperiode 22 – 25 hat am Dienstagabend den kurzfristig abgespeckten Kostenvoranschlag der Einwohnergemeinde mit dem gleich bleibenden Steuerfuss von 97 % gutgeheissen. 

Das Traktandenbüchlein war, wie Gemeindeammann Toni Möckel gleich zu Beginn bekanntgab, in zwei zwei relevanten Punkten bereits überholt. Dies nach Interventionen der Finanzkommission (Fiko) und der SVP Würenlos. Kurzfristig zog der Gemeinderat  erstens einen Verpflichtungskredit von 185’000 CHF für  einen Pumpversuch (Grundwasserwärmepumpe) für den Ölheizungsersatz der Schul- und Gemeindeliegenschaften zurück. 

Stärker ins Gewicht fällt zweitens die Streichung des Budgetpostens von CHF 800000 (erste Tranche des Gemeindeanteils an den Kosten der Sanierung und Neugestaltung der Landstrasse zwischen SBB-Barriere und Kreisel Ländli).  Die Gemeinde müsste sich mit gesamthaft 3,2 Mio CHF am Strassenbauvorhaben des Kantons zu beteiligen, verteilt auf je 800’000 CHF in den Jahren 2026 und 2027, je CHF 600’000 in den Jahren 2028 und 2029 sowie auf eine Schlusszahlung von 400’000 CHF im Jahre 2030.

Nach Ansicht der Fiko und der SVP sind diese Zahlungen abzulehnen, solange der Würdeloser Souverän nicht eine Sanierung und die damit verbundenen Inverstitionen gutgeheissen hat. Auch der Gemeinderat ist der Ansicht, dass die gesamte Kostenbeteiligung als eigenständiges Traktandum einer Gemeindversammlung zu unterbreiten ist.

Weitere Sparempfehlungen der Fiko lehnte aber die Versammlung ab. Bis auf eine : 25’000 CHF für eine neue Beschilderung (Signaletik) im Gemeindehaus wurden als entbehrlich gestrichen. Viel zu lange, mit Inbrunst und teilweise mit erheblicher Inkompetenz wurde um Kleinigkeiten, wie eine Lohnsumme von wenigen 1000 Franken auf der Bauverwaltung oder Stellenprozente gestritten – angesichts der möglichen Auswirkungen aufs Budget geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie sehr ineffiziente Basisdemokratie nerven kann.

Dank der erfolgten Streichungen  reduziert sich das Finanzierungsergebnis (Verlust) aber immerhin von CHF 1’037850 auf gerade noch CHF 72’850. Die Neuverschuldung reduziert sich entsprechend. Der Antrag des Gemeinderates  zum Steuerfuss gab blieb unbestritten.

Genehmigt wurden die beiden Kreditabrechnungen Sanierung des Abwasserpumpwerkes «Tägerhard» und die Planung Dorfzentrum – 14 Jahre nach Sprechung des Kredites. Beide  Abrechnungen schlossen mit Kreditunterschreitungen. Acht Einbürgerungen wurden ohne Gegenstimmen zugesichert.

Schliesslich konnte Gemeindeammann Möckel mehrere Behördenmitglieder verabschieden, die auf Ende Jahr von ihrem Amt zurücktreten. Allen voran Gemeinderat Consuelo Senn, der drei Jahre lang das anspruchsvolle Amt des Hochbauvorstands bekleidete, aber auch nicht weniger als 20 Jahre in der Planungskommission wirkte. Dann den aktuellen und den früheren Präsidenten der Finanzkommission, Pascal Renaud-dit-Louis sowie Thomas Zollinger, der ab 2027 für die SVP im Gemeinderat Einsitz nehmen wird.

Umgestaltete Landstrasse: SVP fährt dem Gemeinderat in die Parade

Am kommenden 2. Dezember wäre eigentlich eine entspannte Gemeindeversammlung zu erwarten gewesen: Ein Budget, das zwar nicht mehr so gut abschliesst wie in den Vorjahren, aber immerhin: Der Steuerfuss von 97% kann beibehalten werden. Dazu zwei Kreditabrechnungen mit Kreditunterschreitungen. Was will man mehr in so unruhigen Zeiten wie jetzt gerade? Doch nun fährt die SVP Würenlos dem Gemeinderat in die Parade. Sie will den im Traktandenbericht nicht kommentierten, unscheinbaren Budgetposten 5610.01 in der Höhe von CHF 800’000 aus dem Voranschlag kippen. (Aktualisierung in roter Schrift weiter unten.)

Situation im Bereich Coop heute. Bilder vergrössern: 1xKlicken.
Bereich Coop: Variante mit Gehweg auf östlicher Strassenseite.
Bereich Coop: Variante ohne Gehweg auf der östlichen Strassenseite.

Es geht um die die Sanierung und Umgestaltung der Landstrasse von der SBB-Barriere bis zum Kreisel Ländli – ein kantonales Vorhaben, bei dem das Departement Bau, Verkehr und Umwelt federführend ist. Gewisse Kosten, etwa für den Leitungsbau der Werke, hat die Gemeinde ganz zu tragen. Darüber hinaus hat sie dem Kanton auch einen allgemeinen Kostenbeitrag zu leisten. Das Departement hat ihn auf rund einen Drittel der Kosten festgelegt: 3,2 Mio. CHF verteilt auf vier Jahrestranchen von je 800’000 CHF.

Wie aus einer Parteinotiz für die Limmatwelle vom 27.11. hervorgeht, stört sich die SVP Würenlos daran, dass der vom Kanton verfügte Kostenbeitrag (von rund einem Drittel der Gesamtkosten) als unscheinbarer Posten im Budget versteckt ist und der Gemeindeversammlung kein Projektkredit unterbreitet wird. Zum Budgetposten 5610.01 kann nur entweder mit Ja oder mit Nein gestimmt werden. Die Situation ist mit jener vergleichbar, wenn ein Kläranlagen-Zweckverband einen Ausbau plant. Dann kann nicht jede der beteiligten Gemeinden wenn an ihrer Gmeind den Beitrag spricht, nicht noch beliebige Änderungen am Projekt vornehmen. Ein Projektkredit, wie er laut SVP angedacht war, hätte eine sachliche und politische Diskussion an der  Gemeindeversammlung ermöglicht.

Das Departement Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons hat in Würenlos am vergangenen 22. September öffentlich über die geplante Sanierung und Neugestaltung der Landstrasse informiert. Das präsentierte Projekt ist laut SVP Würenlos «unausgereift». Es decke sich weder mit den verkehrstechnischen Bedürfnissen von Würenlos, noch «verfolgt es bezüglich Umweltschutz einen pragmatischen Lösungsansatz mit den knappen Ressourcen an Bodenflächen».

Eine Versammlung der SVP-Ortspartei hat darum einstimmig beschlossen, den Gemeinderat zu bitten, das Projekt aus dem Budget 2026 zu streichen und für die öffentliche Auflage und die Ausarbeitung eines überarbeiteten Projektes einen Planungskredit zu beantragen. Zu gegebenerZeit soll später dann für das überarbeitete Projekt ein Verpflichtungskredit beantragt werden. Diese Bitte wurde am Freitag, 21. November der Gemeindekanzlei zugestellt. Laut dem SVP-Präsident Pascal Pfeffer haben sich bis gestern 26. November  weder Kanzlei noch Gemeinderat zum Begehren geäussert, ebenso sei keine offizielle Reaktion der offenbar vorinformierten Parteien Die Mitte, FDP, GLP und dem Jugendparlament erfolgt.

Update: Wie würenblicker aus zuverlässiger Quelle am Abend des 1. Dezembers erfährt, zieht der Gemeinderat den Budgetposten von CHF 800’000 für die Sanierung und Neugestaltung der Landstrasse zurück. Man darf gespannt sein, wie es nun weitergeht.

Sollte dem Wunsch nicht nachgekommen werden, bleibe nur die Möglichkeit offen, das kantonale Projekt mittels Antrag auf Streichung der geplanten CHF 800’000 aus dem Budget 2026 zu stoppen, droht die SVP. Man hoffe aber, dass der Gemeinderat einlenken werde, damit der Souverän an der übernächsten Gemeindeversammlung über einen Kredit entscheiden könne.

Auch  Stimmberechtigte, die mit der SVP nichts am Hut haben, finden es störend, dass die Würenloser an die Landstrassen-Umgestaltung zwar zahlen sollen, aber ihre Vorstellungen kaum einbringen können.  Fragt sich bloss, wie zielführend eine solche breite Mitwirkung wäre. Da könnte sich durchaus ein weiteres Planungsdebakel anbahnen. 

Sanierung und Umgestaltung von Kantonsstrassen sind Sache des Kantons. Was, wenn er mit den Ideen aus der lokalen Bevölkerung nichts anzufangen wüsste? Es könnte durchaus zum jahrelangen Planungsstillstand kommen.  Und der jetzige unbefriedigende Zustand bliebe bis in alle Ewigkeit bestehen.

Verkehrsplanungen mit Einbezug der lokalen Bevölkerungen verlaufen rasch hoch emotional. Ob ein 2 Meter breiter Mittelstreifen gut oder böse sei, wird zur Glaubensfrage. Ebenso ob Fahrbahn-Haltestellen für den Bus segensreich oder Teufelszeug seien. Oder ob Temporeduktionen den Verkehrsfluss verbessern oder ganz zum Erliegen bringen. 

Das Departement Bau, Verkehr und Umwelt schlägt für einzelne Abschnitte der Landstrasse  (Knoten Dorfstrasse und Bereich Coop) Varianten vor. Wie wäre es, wenn der Gemeinderat wenigstens versuchen würde, auf geeignete Weise die Meinung der Bevölkerung zu diesen Varianten zu ergründen. Allzu lang sollte er damit aber nicht zuwarten. Würden sich bei den Varianten klare Favoriten herauskristallisieren, so sollte der Gemeinderat mit Nachdruck beim Kanton für diese Favoriten eintreten. Dagegen hätte wohl niemand etwas einzuwenden. 

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