Woher die Kinder des Nachbarn kommen

Chindlistein am Altberg
Der Chindlistein auf Hüttiker Gemeindegebiet unterhalb des Gratweges zum Altberg.

Im Würenloser Naherholungsgebiet, unweit des beliebten Spazierweges zur Waldschenke auf dem Altberg, gibt es einen Ort, um den sich ein geheimnisvoller Mythos rankt. Der Chindlistein.

Lange Zeit wurde in unserem Nachbardorf Hüttikon nur gemunkelt über den Namen des mächtigen Felsbrockens unterhalb des Gratweges zum Altberg in Richtung Wiesentäli (gelber Wegweiser zeigt, wo’s lang geht). Dann schuf die Lokalzeitung, gestützt auf einen Vermerk im Schweizerdeutschen Wörterbuch (mit dem schönen Namen Idiotikon) Gewissheit: „Bei, in oder unter dem grossen Felsblock sollen die Kinder harren, bis die Eltern sie bestellen oder die Hebamme sie holen kommt“.

Damit könnten die Eltern „erziehungstechnische Klippen von aufwändigen Aufklärungsmodellen mit Bienen und Blüten umschiffen, schreibt darüber der Hüttiker Dorfchronist Christian Schlüer mit einem Augenzwinkern. Er weiss noch mehr: Am gut und gerne 6 Meter in die Höhe ragenden Findling sollen zuweilen Frauen auch Fruchtbarkeitsrituale vollzogen haben: „Dabei gilt es gemäss Volksmund, mit entblösstem Hinterteil den Chindlistein hinunterzurutschen, zur Erfüllung des Kinderwunsches.“ Er kenne allerdings niemanden, der sein Leben diesem Ritual zu verdanken habe, versichert Schlüer durchaus glaubhaft. Denn muss man weder Arzt noch Apotheker sein, um sich Risiken und Nebenwirkungen des Wundermittel Chindlistein bildhaft vorstellen zu können.

Vom Felsen, den das Gletschereis vom Glarnerland heranspediert hat und der am Ende der letzten Eiszeit am Altberg zum Stehen kam, erzählt Christian Schlüer im 49. Heft der Heimatkundlichen Vereinigung Furttal. Verfasst hat er es zusammen mit seiner Tochter Sabine Moser-Schlüer. Die 120-seitige Broschüre ist ganz unserer zürcherischen Nachbargemeinde mit ihren mittlerweile 950 Einwohnerinnen und Einwohnern gewidmet. Die Vernissage des Hefts „Hüttikon – Das kleine Dorf an der Grenze“ hat am 2. Januarsonntag bei uns in Würenlos stattgefunden. „Tout Hüttikon“ ist erschienen. Die Alte Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Unser Gemeinderat Markus Hugi hat die Invasoren freundlich begrüsst und wir Würenloser haben die Hüttiker Finanzen geschont, indem wir den Apéro spendiert haben.

Die Alte Kirche war bis 1555 auch das Gotteshaus der Hüttiker. Sie waren bis zur Reformation nach Würenlos kirchengenössig. Bis vor 217 Jahren gar teilten sich Würenlos und Hüttikon das politische Schicksal. Als 1415 die Eidgenossen den damals habsburgischen Aargau eroberten, kamen beide Dörfer mit der ganzen Grafschaft Baden unter die Gemeine Herrschaft der Eidgenossen. Das änderte nach der französischen Revolution. In der von Napoleon initiierten Helvetischen Republik gehörte Hüttikon wie Würenlos einige Jahre dem Canton Baden an, wurde dann aber 1803 – zusammen mit Schlieren, Dietikon und Oetwil – dem Kanton Zürich zugeschlagen. Gleichzeitig wurde der Kanton Aargau gegründet. Darauf, dass sie nie zum Kanton Aargau gehört haben, legen die Hüttiker Wert. Ich verstehe das.

Heute teilen sich Hüttikon und Würenlos das Schicksal einer Grenzgemeinde. Mögen sich die Hüttiker auch in etlichen Belangen – von der Raiffeisenbank übers Einkaufen bis zum Fussballspielen – nach Würenlos hin orientieren, so ist die Kantonsgrenze doch deutlicher zu spüren, als die geringe Distanz zwischen beiden Siedlungsgebieten erwarten liesse. Lägen wir im gleichen Kanton, so würden die Gemeinden wohl in vielen Bereichen eng zusammenspannen, so etwa beim Alterszentrum, bei der Feuerwehr oder in der Verkehrspolitik. Und wer weiss, würden auch unsere Kinder im Chindlistein zwischengelagert.

Das Heft „Hüttikon – das kleine Dorf an der Grenze“ kann bestellt werden bei Francoise Roth, Lettenring 29, 8114 Dänikon. E-Mail: philippe.roth@bluewin.ch,
Tel. 044 844 20 61.

Die Chindlistein-Story zeigt: Lokalgeschichte muss nicht staubtrocken sein. Wenn du interessiert bist an ebenso amüsanten Müsterchen aus der 1150-jährigen Geschichte von Würenlos, dann suchen wir dich. Wir – das sind bis jetzt fünf Würenloserinnen und Würenloser unterschiedlichen Alters, die während des Dorffestes vom 19. – 21. Juni heiter-historische Führungen durch den Dorfkern anbieten werden. An acht Stationen werden wir über Amüsantes, Erstaunliches und Schauriges berichten. Erzählst oder schauspielerst Du gerne? Fällt Dir das Sprechen vor einer überschaubaren Menschengruppe nicht allzu schwer? Dann komm auch in unser Guide-Team! Die zeitliche Beanspruchung wird sich vor und während des Dorffestes in Grenzen halten. Peter freut sich auf dein Mail oder deinen Anruf (079 436 38 21).

Nach der Kinder- nun die SeniorenOase

Die Katze ist aus dem Sack. Im Ausschreibungsverfahren für einen Betreiber des künftigen Alterszentrums ist der Zuschlag erfolgt. Die Wahl fiel auf die Oase Service AG mit Sitz in Dübendorf. Das relativ junge Unternehmen, das bisher im Aargau nicht tätig war, betreibt Alterszentren an fünf Orten im Kanton Zürich sowie ab Frühjahr 2020 eines im Kanton Solothurn.

Die gemeindeeigene Alterszentrum Würenlos AG wird bekanntlich das auf der Zentrumswiese geplante Alterszentrum nicht selber betreiben. Damit wird ein in der Branche bereits tätiges Unternehmen beauftragt. Sechs Bewerber haben sich im offenen Ausschreibungsverfahren um den Betrieb des Alterszentrums beworben. Am 9. Dezember ist der Zuschlag an die Oase Service AG erfolgt, wie dem kantonalen Amtsblatt vom 12. Dezember 2019 zu entnehmen ist. Die Firma ist eine Tochtergesellschaft der «Oase Holding AG Wohnen im Alter» und erbringt für Gemeinden und andere Trägerschaften (wie die Alterszentrum Würenlos AG) umfassende Dienstleistungen im Betrieb von Seniorenzentren und Alterswohnungen. Sie übernimmt die gesamte Leitung und Organisation der jeweiligen Betriebe. Das Unternehmen führt bisher Alterszentren in Eglisau, Effretikon, Oetwil am See, Rümlang und Wetzikon sowie ab Frühjahr 2020 ein weiteres in Obergösgen SO. (Link zur Oase-Homepage)

Die Oase-Gruppe investiert auch in eigene Wohneinrichtungen für Betagte. So ist sie Bauherrin des geplanten Alters- und Pflegezentrums Hintermatt in Bergdietikon. Die Oase Holding ist laut eigenen Angaben im Besitz weniger Schweizer Aktionäre. Zu ihnen gehört Eva Maria Bucher-Haefner, Tochter und Erbin des Amag-Gründers und Milliardärs Walter Haefner. 

Präsidentin des Verwaltungsrates der Oase Holding ist Beatrice Tschanz, die bis zum Grounding der Swissair deren Pressechefin war. Dem Verwaltungsrat gehört auch der frühere Zürcher Regierungsrat und Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) an. Er präsidiert seit Mai 2019 Spitex Schweiz, den Dachverband der Nonprofit-Spitex-Organisationen.