Die Widerstandskämpferin

Sonja Vionnet.

Unglaublich: Seit Wochen schon sammelt die 84-jährige Sonja Vionnet fast täglich vor der Post Unterschriften für ihre Petition. Mit dieser will sie die Schliessung ebendieser Post verhindern. Ihre Kontaktfreude, ihr Engagement und ihre Beharrlichkeit machen sie schon heute zur moralischen Siegerin.

Selbst garstiges Schneetreiben in den vergangenen Apriltagen konnte Sonja Vionnet nicht von ihrem Posten vertreiben. Kaum jemand kann sich dem Posteingang nähern, ohne von ihr freundlich angesprochen zu werden. Und gerade auch ältere Postbesucherinnen und –besucher lassen sich gerne auf ein Gespräch mit der temparamentvollen Frau ein. Sonja Vionnet wundert sich , wie viele der Angesprochenen noch nie davon gehört haben, dass die Poststelle Würenlos aufgehoben und in eine  Postagentur in einem noch  unbestimmten Ladengeschäft umgewandelt werden soll. Viele kämen eben von ausserhalb oder würden die lokale Presse  nicht lesen.

Eine Postagentur kommt für Sonja Vionnet überhaupt nicht in Frage:«Wir haben schon über 6300 Einwohner und es werden ständig mehr, da brauchen wir doch eine vollwertige Post mit vollem Angebot.» Es könne doch nicht sein, sagte sie der Reporterin vom «Badener Tagblatt», «dass wir zwischen Rüebli und Chabis Pakete abholen müssen».

Die Kämpferin für unsere Post ist zusammen mit ihrem Mann vor 50 Jahren aus Zürich nach Würenlos gezogen und reist auch heute noch viel in der Welt umher. Als sie von der Postschliessung hörte, beschloss sie, dagegen auf die Barrikaden zu gehen. Seither ist sie auf ihrem Posten. Und das Ergebnis ihrer Standhaftigkeit lässt sich sehen. Bis zum 19. April sind ihren Angaben zufolge bereits über 1300 Unterschriften zusammengekommen. Die Unterschriftensammlung schliesst Sonja Vionnet in der letzten Aprilwoche ab. Dann übergibt sie die Unterschriftenbögen der Gemeindekanzlei. Auf dass der Gemeinderat sich vehement gegen die angekündigte Schliessung der Poststelle einsetze. Was die Zukunft unserer Postfiliale angeht, macht sich Sonja Vionnet keine falschen Hoffnungen.

In der Tat stehen auf der Liste der Poststellen, die von der Schliessung bedroht oder schon geschlossen worden sind,  auch solche in gleich grossen und noch grösseren Orten wie Würenlos. Und es stimmt wohl auch, dass die Umsätze am Postschalter generell rückäufig sind, weil immer weniger Leute am Schalter ihre Einzahlungen  tätigen,  Briefmarken  kaufen oder Pakete aufgeben. Die meisten Postgeschäfte lassen sich im Internetzeitalter auch anderswie tätigen. Man darf sich aber fragen, weshalb die Post die Umsatzentwicklung einzelner bedrohter Poststellen nicht veröffentlicht. Die Geheimniskrämerei lässt vermuten, dass es fürgewisse  Poststellen nicht ganz so schlimm aussieht wie von den Postoberen behauptet. Viele Würenloser trauen dem Argument sinkender Frequenzen auch deshalb nicht, weil – ausser an frühen Nachmittagen – fast immer gewartet werden muss, bis man vom Schalter bedient wird.

Doch längst nicht alle Würenloser halten die Postfiliale für unverzichtbar. In der würenblicker-Abstimmung zur Postschliessung (siehe rechte Spalte) haben sich bis dato 70 % der Abstimmenden für den beibehalt der Poststelle ausgesprochen, immerhin 30 Prozent halten die Schliessung für verschmerzbar oder fühlen sich davon nicht betroffen. (Beteiligt haben sich bis anhin 82 Leserinnen und Leser).

Es gehe auch um die älteren Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, sagt Sonja Vionnet. Viele hätten kein Internet und es sei für sie beschwerlich, sich etwa für Einzahlungen in eine Post in Wettingen oder Spreitenbach bemühen zu müssen. Widerspruch lässt Sonja Vionnet nicht gelten. Etwa, dass es in der heutigen Zeit ja nicht unbedingt das Sicherste ist, wenn Seniorinnen und Senioren zuerst Geld auf der Bank abheben und es dann zur Post tragen, um damit ihre Einzahlungen bar  zu tätigen. Zumal es für bargeldlose Zahlungen ausser dem E-Banking noch andere einfache Möglichkeiten gibt. Es gehe doch auch um die sozialen Kontakte im Dorf, entgegnet da Sonja Vionnet.

Die Post wird sich von der Petition kaum  beeindrucken lassen. Doch wie die Geschichte auch ausgehen wird – im Kampf gegen die Strategie von Postchefin Susanne Ruoff (Jahresverdienst: rund eine Million Franken) ist Sonja Vionnet schon heute die moralische Siegerin. Hätten wir in Würenlos doch nur mehr Leute ihres Schlages. MItbürger, die sich für öffentliche Interessen engagieren, die gegen missliebige Entwicklungen antreten und sich weder vom Wetter noch von Unternehmen und ihrem Marketinggeschwurbel oder Politikern den Schneid abkaufen lassen.

Würenlos, seine Ortsparteien und Politiker könnten sich ein Vorbild an Sonja Vionnet nehmen. So pflegt man Kontakte, so bleibt man in Tuchfühlung mit der Wählerschaft. Würde Sonja Vionnet im Herbst für den Gemeinderat kandidieren, sie würde wohl glatt gewählt.

Klappstühle mit Geschichte

Die Überlebenden des legendären Rolling-Stones-Konzertes im Zürcher Hallenstadion am 14. April 1967. Bild vom 1. Würen- loser Openair-Kino 2010.

Sie waren neben Mick Jagger und Co unverhofft die Hauptdarsteller, als vor genau 50 Jahren, am 14. April 1967  die Rolling Stones ihr erstes Schweizer Konzert im  Zürcher Hallenstadion gaben. Die helvetischen Teenager waren aus dem Häuschen. Schon bei der Ankunft der Stones auf dem Flughafen Zürich konnte die Polizei die  Fans kaum im Zaum halten. Erst recht ging dann die Post im Hallenstadion ab. Vorgruppe waren die «Schweizer Beatles», die Les Sauterelles (unter anderen mit mit Toni Vescoli und Düde Dürst),  Beim  Auftritt der Stones  liessen 12 000 jugendliche Besucher ihren Emotionen freien Lauf, gerieten ausser Rand und Band. Weil sie lieber tanzen statt brav auf den in Reih und Glied aufgestellten Klappstühlen sitzen wollten, kam es zum Tumult, dem die Ordnungshüter einigermassen hilflos gegenüber standen. Sömtliche Klappstühle seien zu Kleinholz gemacht  worden, hiess es in den folgenden Tagen. Das Bürgertum war verstört. Die NZZ schrieb: «Wenn auch die Ausschreitungen rund um das Konzert der Rolling Stones mit Entschiedenheit zu verurteilen sind, so hat der vergangene Freitagabend unseres Erachtens doch auch etwas Gutes gebracht: Er hat Anhaltspunkte dafür gegeben, dass das Phänomen der ‚Pop-Kultur‘ und ihrer Derivate nicht zu bagatellisieren ist, selbst in der Schweiz nicht

Doch was hat das alles mit Würenlos zu tun?  Der Bezug ist, dass  damals beileibe nicht das ganze  Sitzmobiliar im Hallenstadion  der Rock-Begeisterung der Schweizer Jugend zum Opfer fiel. Davon können sich Würenloserinnen und Würenloser regelmässig überzeugen. Bereits an sechs  Openair-Kinos des Kulturkreises bei der Zentrumsscheune und überdies bei grösseren Veranstaltungen im Steinhof leisteten Dutzende der legendären Hallenstadion-Klappsitze nach wie vor beste Dienste. Dank Eventmanagerin Franziska Arnold geniessen die braunlackierten Stühle in unserem Dorf den  aktiven Vor-Ruhestand. Und sie sind bestimmt nicht unfroh, dass sie vom hiesigen Publikum mit dem Respekt behandelt werden, der ihnen aufgrund ihrer historischen Bedeutung gebührt: das Stones-Konzert von 1967 gilt sozusagen als Startschuss zu den Zürcher Jugendunruhen von 1968 (Globus-Krawall)