Alle Beiträge von Peter Früh

Jetzt greift das Volk ins Steuer

Die Revision der Nutzungsplanung ist im Gange.

Ziemlich genau 18 Jahre, nachdem die heute noch gültige Bau- und Nutzungsordnung von der Gemeindeversammlung beschlossen worden ist, kann sich die Bevölkerung in die laufende Gesamtrevision der Allgemeinen Nutzungsplanung einschalten. An einem Ziel-Workshop am 20. Oktober kann sie ihre Vorstellungen von der künftigen Entwicklung unserer Gemeinde einbringen.

Die vom Gemeinderat eingesetzte Spezialkommission für die Revision der Nutzungsplanung und die beigezogenen Fachleute haben bereits Etliches erarbeitet. Die Ergebnisse einer Analyse der Quartiere und der Entwurf eines räumlichen Entwicklungsleitbildes werden am Workshop erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Erstmals wird es konkreter. Im Leitbild zur Gemeindeentwicklung, das der Gemeinderat im Januar 2016 verabschiedet hat, hat er die Marschrichtung für die Revision in groben Zügen skizziert – aber das waren ziemlich allgemein gehaltene Vorschläge, mehr nicht.

Der Workshop ist ein erster Test, ob die Vorstellungen des Gemeinderates und der Spezialkommission mit jenen der bisher nicht beteiligten Bevölkerung übereinstimmen. Der Gemeinderat erwartet vom Workshop im Wesentlichen Antworten auf drei Fragen:
Wie und wohin soll sich Würenlos entwickeln?
Was gilt es zu bewahren?
Wie möchte sich Würenlos in der Region positionieren?

Diese Fragen sind nicht so einfach zu beantworten, wie es scheinen mag. Mit ein paar Gemeinplätzen wird es nicht getan sein. Klar, würden die meisten Würenloserinnen und Würenloser sofort unterschreiben, dass sie auch in Zukunft gerne in einem Dorf mit hoher Wohnqualität leben wollen. Unter Wohnqualität kann man Unterschiedliches verstehen: Geringe Lärmbelastung oder Autobahnnähe. Nähe oder Distanz zu den Nachbarn. Heimelig oder urbaner Chic. Die Empfindung, was Wohnqualität ist, kann sich im Laufe der Zeit verändern. Was erst nach erbittertsten Auseinandersetzungen eingeführt wurde, wird zuweilen schon wenige Jahre später als wohltuende Annehmlichkeit empfunden, Beispiel Tempo 30 in den Quartieren.

Möglichst wenig am Bestehenden zu verändern, ist darum nicht die beste Lösung, um die Wohnqualität zu erhalten.Schon bei der Nutzungsplanung im Jahre 2000 war es eines der erklärten Hauptziele, «die hohe Lebensqualität des Lebensraumes Würenlos zu erhalten » (siehe Protokoll der Gemeindeversammlung vom 26. Oktober jenes Jahres). Unterm Strich ist dies wohl gelungen. Jedenfalls ist die Attraktivität von Würenlos als Wohnort anhaltend hoch. Doch das Dorf hat sich in den letzten 20 Jahren stärker verändert, als man sich das im Jahre 2000 wohl vorgestellt hat.

Nutzungsplanung ist ein Spagat: Nicht nur zwischen den verschiedensten Auffassungen darüber, was ein lebenswertes Umfeld ausmacht. Auch zwischen wirtschaftlichem Druck und öffentlichem Interesse, zwischen Anpassungszwängen und Festhalten am Liebgewordenen. Nicht immer gelingt der Spagat. So ging beispielsweise – von den Siedlungsrändern abgesehen – der ländliche Charakter im Siedlungsgebiet weitgehend verloren. Dabei lautete eine der Prämissen der Nutzungsplanung von 2000: «Würenlos soll eine eigenständige Gemeinde mit ländlichem Charakter bleiben.»

Das stürmische Wachstum der letzten Jahre und der Verlust an Ländlichkeit wurden möglich, weil die letzten Nutzungsplanungen auf quantitatives Wachstum setzten. Seit der letzten Nutzungsplanung wuchs die Bevölkerung um rund ein Drittel von 4800 auf 6400 Ende 2017. Das entsprach einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von fast 2%. Ginge es ihm gleichen Takt weiter, würde unsere Gemeinde 2035 etwa 8500 Einwohner zählen.

So weit soll es aber nicht kommen. «Wir wollen in den nächsten 15 Jahren quantitativ moderat wachsen (auf maximal 7300 Einwohner)» schreibt der Gemeinderat 2016 in seinem Leitbild. Das entsprach damals einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von gut 1 %.

Die Raumplanung des Bundes und des Kantons verhindern eine Ausdehnung des Baugebietes, die über minimale Einzonungen hinausgeht. Ist das eingezäunte Bauland einmal überbaut – und die Reserven an unüberbautem Bauland sind bereits ziemlich gering – wird Wachstum nur noch durch verdichtetes Bauen möglich sein. Wer zu einem Wachstumsziel Ja sagt – wie moderat dieses Ziel auch sein mag – wird also auch zu einer gewissen Verdichtung Ja sagen müssen. Die Frage ist eher, wo sie erfolgen soll und in welcher architektonischen Qualität.

Die Allgemeine Nutzungsordnung wird erfahrungsgemäss etwa 20 Jahre Bestand haben müssen. Wir leben in einer schnellebigen Zeit. Unmöglich sind einigermassen zuverlässige Prognosen darüber, wie sich die wirtschaftliche Lage und – davon abhängig – die Nachfrage nach Wohnraum in 20 Jahren präsentieren wird.

Wie die Erfahrungen mit der vor 50 Jahren in der Bundesverfassung verankerten Raumplanung in der Schweiz zeigen, hat sie einen schweren Stand gegenüber der Macht des Faktischen und den Bedürfnissen des Marktes. Realistischerweise und vorausschauend sollte das Korsett der Allgemeinen Nutzungsplanung nicht allzu eng geschnürt werden. Zum Beispiel sollten Aufzonierungen an geeeigneten Orten im bestehenden Baugebiet kein Tabu sein. Und hat ein Quartier seinen Charakter durch Neubauten schon teilweise verloren und ist der gebliebene Rest nicht besonders erhaltungswürdig, sollte der Wandel durch planerische Massnahmen eher beschleunigt als aufgehalten werden.

Würenblicker wird über den Verlauf des Ziel-Workshops berichten.

Früher zum Thema Revision der Nutzungsplanung erschienene Beiträge: hier und hier

Beim Rüeblischälen miteinander ins Gespräch kommen


Es leben noch immer junge Flüchtlinge in der unterirdischen Zivilschutzanlage Wiemel beim Schwimmbad. Und es sind noch weitgehend die gleichen, welche die Unterkunft schon im Spätherbst 2016 bezogen haben.

Viele leben also bald zwei Jahre im Würenloser Untergrund. Offiziell wenigstens. Denn mittlerweile scheint sich die Zahl jener, die ständig in der Zivilschutzanlage übernachten, auf ein gutes Dutzend reduziert zu haben.

Die anderen haben irgendwo anders einen Unterschlupf gefunden, die meisten bei Kollegen oder Verwandten, die wenigsten bei hiesigen Familien oder Einzelpersonen. Manche erscheinen gerade noch einmal wöchentlich in der Würenloser Unterkunft, um beim Betreuer der von der Gemeinde beauftragten Firma ORS (früher ASB) das ihnen zustehende Wochengeld abzuholen. Mit dem wenigen Geld berappen sie vor allem Lebensmittel, Kleider, Handygebühren und weitere persnliche Auslagen.

Dank der Auswärtsübernachtungen und weil seit wenigen Monaten ein dritter Schlafraum der Zivilschutzanlage zur Verfügung steht, hat sich die unbefriedigende Wohnsituation leicht entschärft. Aber solange Auswärtsübernachter nicht offiziell einer anderen Gemeinde zugeteilt sind und ihren Lebensunterhalt selber bestreiten können, gibts für die Gemeinde und ihre Steuerzahler keine Entwarnung: Diese Leute sind in wenigen Jahren von der Gemeinde Würenlos aus eigenen Mitteln zu unterstützen. Das Ziel, den jungen Leuten mit einer menschenwürdigeren Unterkunft den Einstieg ins Arbeitsleben zu erleichtern, muss also weiterhin ganz oben auf der Pendenzenliste des Gemeinderates stehen.

Vereinzelt hat das inoffizielle auswärtige Logis damit zu tun, dass die betreffenden Männer nur an weit entfernten Orten eine Arbeit gefunden haben. So arbeiten von zwei Bewohnern, die im Gemüsebau als Hilfskräfte tätig sind, der eine in Wohlen, der andere gar in Laufenburg. Orte, die von hier aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer bzw. frühmorgens gar nicht zu erreichen sind.

Warum arbeiten die denn nicht bei den Gmüeslern im Furttal? Weil vorläufig Aufgenommene, und um solche handelt es sich hier, nicht ohne Weiteres ausserhalb des zugewiesenen Wohnkantons arbeiten dürfen. Dazu braucht es Ausnahmebewilligungen, was für den Arbeitgeber mit Mehraufwand verbunden ist. Die «Verwaltung der Asylsuchenden» treibt zuweilen seltsamste Bürokratieblüten. Das spüren vor allem Gemeinden und Regionen nahe der Kantonsgrenze.

Noch immer hat ein beträchtlicher Teil der Wiemel-Bewohner keine Lohnarbeit Darunter sind auch solche, die sich überhaupt nicht um einen Job und um einen Platz in unserer Gesellschaft bemühen – sei es, weil sie zu bequem dazu sind, sei es, weil sie von unserer Kultur restlos überfordert und längst in Depression oder Drogensucht abgestürzt sind.

Aber es gibt eben auch nicht wenige, die hier vorwärts kommen wollen – allen Widerwärtigkeiten zum Trotz. Als freiwillige Helfer am Kreisturnfest und an der diesjährigen Bundesfeier haben sie sich von ihrer besten Seite gezeigt. Und dennoch tun sich mit der Stellensuche selbst jene oft schwer, die länger eine Schule besucht haben und leidlich gut deutsch sprechen.

Aber es gibt Erfolgsmeldungen: Zum Beispiel von Sh, einem jungen, stets freundlichen Afghanen. Seinerzeit hatte er einen Job im hiesigen Döner- und Pizzalokal beim Bahnhof gefunden, diesen durch einen Wirtewechsel aber bald wieder verloren. Doch er liess nichts anbrennen, schon nach wenigen Tagen konnte er dank Eigeninitiative eine neue Stelle in der gleichen Branche antreten.

Oder von M. Der Eritreer hat mit Erfolg den zweijährigen Integrationskurs an der Kantonalen Schule für Berufsbildung absolviert. Vor wenigen Wochen konnte er eine Ausbildung als Storenmonteur antreten in einer Firma, die neu in Würenlos ansässig ist.

Gute Deutschkenntnisse sind bei der Stellensuche hilfreich, aber kein absolutes Muss. Auch Solidarität in der eigenen Volksgruppe spielt eine Rolle, wie das Beispiel von Mu. zeigt. Der Kurde aus Syrien hat Arbeit gefunden in der Firma eines anderen Kurden, obwohl er bisher nicht einmal einen Deutschkurs besucht hat. In seiner Heimat hat er als Eisenleger im Betonbau gearbeitet, nun bricht er als Taglöhner auf Zürcher Grossbaustellen Betonschalungen ab.

Liebe Leserin, lieber Leser – Interesse, einige dieser liebenswerten Menschen näher kennzulernen? Bald bietet sich eine vortreffliche Gelegenheit dazu. Am Samstag, 22. September organisiert das Team der freiwilligen Betreuer zusammen mit der darauf spezialisierten Organisation «Jass» ein gemeinsames Kochen und Essen mit Bewohnern der Wiemel-Unterkunft im Gmeindschäller. Der Anlass wird vom Gemeinderat, beiden Kirchgemeinden und von Swisslos unterstützt. Siehe oben.

    Der nächste aktuelle Beitrag auf würenblicker erscheint ferienbedingt voraussichtlich erst Anfang Oktober. Danke für das Verständnis.

1968 in Würenlos – Zeitzeugen erinnern sich

Würenlos vor 50 Jahren. Ein neuer, knapp 20-minütiger Dokumentarfilm mit Videointerviews zeigt, was junge Würenloserinnen und Würeloser damals in der Freizeit so trieben, was sie am Dorfleben schätzten und was sie vermissten und wofür oder wogegen sie sich einsetzten.

Der spätere Unternehmer Leo Güller machte schon als Elektromechanikerstift mit einem Piratensender Radio Beromünster Konkurrenz. Die junge, noch ledige Primarlehrerin Hanna Brogle durfte ihren Schatz (und nachmaligen Ehemann) Ueli Huber auf Geheiss des Lehrerinnenseminar-Direktors nicht in aller Öffentlichkeit küssen und sah sich an ihrem ersten Arbeitstag im Schulzimmer 100 neugierigen Gesichtern gegenüber. Der junge Gärtnermeister Toni Möckel (sen.) wehrte sich gegen den Bau eines Hochhauses an der Landstrasse und hatte die Idee, an der Würenloser 1100-Jahr-Feier mit einem Festzug auf die Ortsgeschichte zurückzublicken. Und die junge Balletteuse Hildegard Koller empfand das Dorfleben als Teenager etwas langweilig; als Erstes brachte sie als 20-Jährige die ältere Generation mit dem neuartigen Altersturnen in Schwung. Später führte sie Hunderte von Mädchen in die Ballettkunst ein. Vier Würenloserinnen und Würenloser – vier Geschichten. Zu sehen jetzt im 20-minütigen Dokfilm „1968 in Würenlos – Zeitzeugen erinnern sich“ von Peshraw Mirza und mir, Peter Früh.

Der Film entstand im Zusammenhang mit dem Jubiläum des Kulturkreises Würenlos, der am 10. und 11. August sein 50-jähriges Bestehen feierte. Am zweitägigen Jubiläumsfest wurde auf das geschichtsträchtige Gründungsjahr 1968 in vielfältiger Weise eingegangen. Publikumsmagnet Nr. 1 war natürlich das Konzert von „Les Sauterelles“ am Samstagabend. Rund 300 Rockbegeisterte liessen sich den Auftritt der Hitparadenstürmer von einst, damals auch Swiss Beatles genannt, nicht entgehen.

Fast ebenso viele Zuschauer liessen sich in sechs Vorstellungen einer History-Show vor Augen führen, was eigentlich im weltweiten Umbruchsjahr 1968 im beschaulichen Würenlos so geschah. Wichtiger Bestandteil der Schau, deren Liveteil Albert Freuler (als Geschichtsprofessor Kurt von Furt-Bach) und und Harald Völker (als Roger, ein Würenloser 68er) bestritten, waren Ausschnitte aus Videointerviews mit vier Würenloserinnen und Würenlosern, die 1968 jung waren. Aus den vier Interviews in voller Länge ist der knapp 20-minütige, amüsante Dok-Film entstanden, der nun als Video auf YouTube angesehen werden kann.

Noch ein Wort zu Peshraw Mirza (Kamera und Schnitt des Films): Bis vor wenigen Jahren wirkte er als TV-Journalist beim grössten kurdischen TV-Sender im Irak. Nach einem IS-kritischen Bericht sah er sich gezwungen, zusammen mit Frau und zwei Kleinkindern die Heimat zu verlassen und die gefährliche Reise nach Europa anzutreten. Die dramatische Flucht übers Mittelmeer filmte er mit seinem Handy. Ausschnitte zeigte später das Fernsehen SRF in „10vor10“. Heute lebt Mirza mit seiner Familie in Neuenhof. Zusammen mit der Schule Neuenhof hat er auch ein Filmprojekt zum Thema Cybermobbing realisiert, das weit übers Limmattal hinaus Beachtung fand.

Strassenbau-Euphoriker in Sommerlaune

Limmattaler Kreuz heute.
Der Direktor des Bundesamtes für Strassen (Astra), Jürg Röthlisberger, dachte in diesem Hitzesommer gleich über zwei Ideen öffentlich nach, welche Würenlos und die übrigen Gemeinden im oberen Limmattal zur erhöhten Wachsamkeit veranlassen sollten. Die eine würde das Limmattal noch viel mehr zum Verkehrskanal machen – mit allen damit verbundenen Nachteilen. Und die andere wäre eine reine Kapitulation vor der Unvernunft.

Die Überlastung gewisser Autobahnabschnitte ist eine Tatsache. An ganzen 22 Tagen im Jahr ist das Limmattaler Kreuz gänzlich staufrei (Quelle: www.limmatstadt.ch) Sich Gedanken zu machen, wie die Anzahl der Staustunden reduziert werden könnte, gehört wohl zum Pflichtenheft eines Astra-Direktors. Von mehreren Ideen zur Leistungssteigerung der Autobahnen, die Röthlisberger in einem Artikel der „NZZ am Sonntag“ erwähnte, sorgte vor allem eine für Aufsehen. Im Limmattal, wo aus Platz- oder Naturschutzgründen zusätzliche Fahrspuren nicht überall möglich sind, prüft das Astra den Bau von doppelstöckigen Autobahn-Abschnitten (Link zum Bericht der SRF-Tagesschau) Ganz neu ist die Idee nicht, zuvor hatten schon SVP-Nationalrat Ueli Giezendanner und Andreas Burgener, der Verbandsboss der Autoimporteure, ins gleiche Horn gestossen.

Das Astra sieht bezüglich Doppelstock-Autobahnen laut Röthlisberger noch offene Fragen bei der Raumplanung und der Umweltverträglichkeit. Diese Fragen sind keine Lappalien, da geht es sehr Grundsätzliches – um die Zukunft des Lebensraums Limmattal. Ob zweistöckige Autobahn oder acht Fahrspuren nebeneinander, das macht letztlich kaum einen Unterschied. Die betroffenen Regionen kämen so oder so zunehmend unter die Räder. Das relativ enge Limmattal kann doch nicht ewig immer mehr Verkehr aushalten.

In den limmatseitigen Ortsteilen von Würenlos ist die Lärmbelastung trotz nachträglichem Bau von Lärmschutzwänden noch immer sehr hoch. Und erst die Landschaft: Beim seinerzeitigen Bau der A1 im Limmattal vor 50 Jahren ist das Trassee ohne Rücksicht auf Verluste festgelegt worden. Gerade im einstmals idyllischen Limmatbereich vor Würenlos sind Eingriffe ins Landschaftsbild erfolgt (zum Beispiel mit der 600 Meter langen Limmatbrücke), die man schon 20 Jahre später tunlichst vermieden hätte. Die Zürcher Nord- und Westumfahrung sind jedenfalls wesentlich landschaftsschonender gebaut worden. .

Man wagt sich ja kaum vorzustellen, wie unser Limmatraum aussehen würde, wenn noch weitere Fahrspuren hinzukämen oder die A1 gar doppelstöckig geführt würde. Wie hoch müssten die Lärmschutzwände sein? Müssten Wohngebiete wie am Würenloser Schliffenenweg für unbewohnbar erklärt werden? Zunichte gemacht würden in jedem Fall die in den letzten Jahren intensivierten Anstrengungen der Anrainergemeinden, den Limmatraum als Naherholungsgebiet für die Bevölkerung aufzuwerten.

Und alle diese Nachteile nur, um für eine Wirkungsdauer von wenigen Jahren die Zahl der Staustunden zu reduzieren. Denn soviel ist klar: Die Vorteile der A1-Ausbauten wurden regelmässig nach kurzer Zeit durch die Verkehrszunahme zunichte gemacht. Immer breitere oder mehrgeschossige Autobahnen schaffen zudem anderswo neue Probleme. Denn irgendwann verlässt jedes Auto die Autobahn. Die Gleichung ist einfach: Je mehr Autos auf der Autobahn desto mehr Autos auch auf den Kantons-, Ortsverbindungs- und Gemeindestrassen.

Aber die Lösung dieses Problems könnte Röthlisbergers zweite Hundstage-Idee sein: Breitere Strassen. Die Strassenbaunormen müssen entsprechend geändert werden, denn die Autos (SUVs!) würden schliesslich auch immer breiter. Der Astra-Direktor folgt da einer Logik, die der Menschheit nicht zutraut, ein bisschen vernünftiger zu werden. Denn das Mami-Taxi, mit dem der 20 Kilo wiegende Kindergärtler herumgekarrt wird, muss ja nicht unbedingt 2500 Kilogramm wiegen.

Breitere Strassen? Wie das in Würenlos ginge, wo doch schon heute um jeden zusätzlichen Zentimeter zugunsten des Langsamverkehrs (Fussgänger, Velos) gerungen werden muss? In einem Punkt könnte Röthlisbergs Vorschlag aber durchaus sein Gutes haben: Müssten die öffentlichen Parkfelder in Städten. Dörfern und in Parkhäusern breiter werden, stünden auch weniger davon zur Verfügung. Wenigstens in diesem Punkt würde sich die (Auto-)Schlange in den Schwanz beissen.

Wäre es da nicht zielführender und zukunftsträchtiger, wenn alle im Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation am gleichen Strickende ziehen würden? Wenn alle Chefbeamten von Bundesrätin Doris Leuthard sich prioritär solchen Lösungsansätzen zuwenden würden, mit welchen der Teufelskreis «Immer mehr Strassen – immer mehr Verkehr» durchbrochen würde und die einen schonungsvolleren Umgang mit der Bevölkerung in der dichtbesiedelten Agglomeration versprechen?

Immerhin hält es auch das Astra für möglich, dass sich mit automatisierter Mobilität (fahrerlose Autos) die Kapazität der Autobahnen merklich erhöhen liesse. Der Verkehrsfluss würde ruhiger und die Fahrzeugabstände könnten kleiner sein. Und es gibt auch konkrete Ideen, welche die Kapazitäten auf der Ost-Westachse erhöhen würden, ohne das obere Limmattal zum lebensfeindlichen Landstrich verkommen zu lassen.

Da wäre einmal das Projekt Cargo sous Terrain, eine unterirdische Güterbahn, die im Endausbau den Lastwagenverkehr auf Schweizer Strassen um bis zu 40 Prozent senken könnte. Die erste Etappe würde von Zürich nach Härkingen-Niederbipp führen. An Investitionen in die Planung sind interessierte Schweizer Firmen wie Migros, Coop, Credit Suisse oder Schweizerische Post ebenso beteiligt wie ausländische Investoren. Oder für den Personenverkehr ein neuer 28 Kilometer langer Eisenbahntunnel von Zürich-Altstetten bis Aarau. Die Fahrzeit Zürich – Bern würde dadurch nochmals um rund eine Viertelstunde kürzer – das Auto könnte da kaum mehr mithalten.

Autobahn-Weiterausbau: Ja oder Nein – stimmen Sie ab, in der Randspalte rechts