Archiv der Kategorie: Dorfpolitik

Lauter Landi-Kinder

Anderswo teilen sich die Konsumenten auf in Migros-, Coop- oder neuerdings Aldi-Kinder. In Würenlos (oder vielleicht nur unter den 4,5 Prozent aller Stimmberechtigten, die an der Sommer-Gemeindeversammlung teilnahmen) dominieren die Landi-Kinder. Das Dorf ohne Landi – für sie unvorstellbar. Mit 132 gegen 36 Stimmen hat die Versammlung der Teiländerung der Nutzungsplanung Grosszelg zugestimmt. Erst die Änderung (Lex Landi) lässt eine Verkaufsnutzung in der vorgesehenen Grösse zu auf dem von der Landi zusammengekauften Areal südlich des Bahnhofs.

Die Bedeutung des Geschäfts ist wohl in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt worden. Anderswo werden um verkehrsintensive Verkaufsnutzungen erbitterte Politschlachten geschlagen. Denn immer geht es da in hohem Masse darum, in welche Richtung sich eine Siedlung entwickeln wird, was ein Ort unter Lebensqualität versteht und wieviel an weniger Schönem er seiner Bevölkerung zumuten will.

Hier ist der Souverän unter Hintanstellen aller seiner anderen Interessen und Wünsche einer einzelnen Firma sehr weit entgegen gekommen. Der Gemeinderat hat seinen Antrag damit begründet, ein Fortbestand des Landi-Ladens im Dorf liege im öffentlichen Interesse. Er und nun auch der Souverän haben mit dieser Haltung sehr viele Handlungsoptionen, wie sich die Lebensqualität und das Wohlbefinden der ganzen Bevölkerung verbessern liessen, aus der Hand gegeben.

Der starke Autoverkehr im Dorf wird bei anderen Gelegenheiten vom Gemeinderat und erst recht von breiten Teilen der Bevölkerung immer wieder als grosses Problem bezeichnet. Da ist es schon erstaunlich, dass nun spürbarer Mehrverkehr, der von einer einzigen Einkaufsgelegenheit verursacht werden wird, einfach so in Kauf genommen wird. Nur damit das Hasenfutter und der Rasentrimmer auch künftig mit vermeintlichem Würenloser Stallgeruch erstanden werden können. Wer unter Lebensqualität etwas Anderes, womöglich existenziellere Werte versteht, sucht sich vielleicht besser einen anderen Wohnort.

Für die Landi ging es wohl um die Existenz des Standorts Würenlos. Der heutige Laden bei der SBB-Barriere hat zwar Tante-Emma-Laden-Charme, aber kaum eine Überlebenschance. „Wohin soll denn die Landi, wenn nicht in eine Gewerbezone“, fragte Urs Burch, Präsident der Landi Furt- und Limmattal. Andere Standorte seien hier schlechthin nicht zu finden. Sterbe die Landi, gehe auch eine fast 100jährige Tradition im Dorf zu Ende. Aber um Traditionspflege kann es hier ja nicht gehen. Der Handel ist nun mal im Wandel. Und unser Dorf auch.

Dass die Verkehrsverhältnisse beim Knoten Land-/Bahnhofstrasse, auf dem Vorgelände des Bahnhofs chaotisch und für Fussgänger und Velofahren auch gefährlich sind – wer würde das bestreiten? Und der Schuppenlandschaft auf dem Areal, wo die Landi ihren Fachmarkt mit Tankstelle und Show bauen will, wird wohl niemand nachtrauern. Aber wird alles besser, wenn die Landi ihren neuen Standort bezogen hat? Die Landi-Kinder – und als solche outeten sich auch auch die etablierten Parteien CVP, FDP und CVP – glauben daran. Aber sie glauben in beklemmendem Ausmass nicht daran, wie viel Positiveres für ihr Dorf sie mit etwas mehr Gestaltungswillen und Mut erreichen könnten.

„Wer meint, mit der Vorlage sei eine Verbesserung möglich, täuscht sich. Es gibt eine Verschlechterung“ warnte Matthias Rufer, Mitglied der Planungskommission. Einer seiner Kommissionskollegen, Daniel Zehnder, sieht das auch so. Und mit ihm die Initiative 5436. Die Gewerbezone Grosszelg sei für die neue Landi der falsche Ort. Wegen der heiklen Verkehrserschliessung, wegen dem von ihr produzierten Mehrverkehr. Und weil eigentlich an solche,vom öffentlichen Verkehrs derart gut erschlossene Standorte Nutzungen gehörten, die vom ÖV profitieren. Und nicht solche, die wie die neue Landi auf eine Autokundschaft ausgerichtet sind.

Darunter, dass die neue Landi eigenen Studien zufolge 1000 zusätzliche Autofahrten pro Tag auf der Bahnhof- und Landstrasse generiert, leide das ganze Dorf, gab Rufer zu bedenken. – Für den Landi-Präsidenten Burch sind das vernachlässigbare Petitessen. Rufer verbreite Halbwahrheiten, polemisierte der Statthalter der mächtigen Landi-Zentrale gar.

Ganz wohl ist es einigen Landi-Kindern gleichwohl nicht in ihrer Haut. FDP-Präsident Consuelo Senn – auch er Mitglied der Planungskommission – sieht einen Wermutstropfen: Die neue Landi, wenigstens das, was man bisher von den Plänen konkret zu sehen bekam, soll weder ein Ober- noch ein Untergeschoss haben. Eine so schlechte Ausnützung des knappen Baulandes sei schon fragwürdig an einer so tollen Lage. Diese Frage sei dann im Baubewilligungsverfahren zu prüfen, sagte Gemeindeammann Toni Möckel. Und Landi-Präsident Burch sagte, ein unterirdisches Parkgeschoss könne durchaus noch ein Thema werden.

Für die CVP, so Andreas Schorno, wird in der heiklen Bauphase, wenn der Knoten Land-/Bahnhofstrasse erst provisorisch umgestaltet werden kann, besondere Rücksicht zu nehmen sein auf die schwächsten Verkehrsteilnehmer, die Fussgänger und Velofahrer. Da brauche es weitere Zugeständnisse der Landi. Wir werden sehen…

Kaum bestritten und auch weniger voller Fallstricke war dagegen das zweite gewichtige Geschäft des Abends, der neue Werkhof für das Bauamt und die Technischen Betriebe TBW. Mit nur vereinzelten Gegenstimmen wurde der Baurechtsvertrag mit der Ortsbürgergemeinde für den Standort in der neuen Gewerbezone Tägerhard gutgeheissen. Und gar ohne Gegenstimme bewilligt wurde der Verpflichtungskredit von rund 5 Millionen Franken für den Bau des Gebäudes. Zulasten der Steuerzahlen geht ein Anteil von 1,9 Millionen Franken, den grösseren Teil tragen die gebührenfinanzierten Werke.

Diskussionlos genehmigt wurden auch die Rechnung 2017 sowie einige Bauabrechnungen, und einem serbischen Ehepaar wurde das Gemeindebürgerrecht zugesichert.

Lex Landi schadet dem Dorf

Für die Landi geht es an an der Gemeinderversammlung vom 7. Juni um viel. Lehnen die Stimmberechtigten die Teiländerung Nutzungsplanung «Grosszelg» (Lex Landi) ab, muss sie ihr Vorhaben begraben, den heutigen Laden bei der Barriere durch einen Grossmarkt mit Tankstelle und Shop zu ersetzen.

Gewerbegebiet Grosszelg mit Standort der neuen Landi (schwarz umrandet).
Seit bald 10 Jahren beschäftigen die Baupläne der mittlerweile zur überregionalen landwirtschaftlichen Genossenschaft mutierten LANDI Furt- und Limmattal mit Sitz in Regensdorf ZH Behörden, Planungsbüros und Arbeitsgruppen. (Siehe dazu auch frühere würenblicker-Artikel hier und hier.) Die lange Planungsgeschichte zeigt: Es geht um ein heikles Vorhaben. Nur mit der Nutzungsplanänderung wird eine grossflächigere Verkaufsnutzung im Gewerbegebiet Grosszelg südlich des Bahnhofs überhaupt zulässig. Doch damit handelt sich Würenlos mehr Nachteile als Vorteile ein.

Grundsätzlich wertet das Bauvorhaben die Bahnhofsumgebung nicht auf – die Hälfte des grossen Areals werden oberirdische Parkierflächen beanspruchen. Dies ist ein krasser Verstoss gegen das Gebot des haushälterischen Umgangs mit Bauland im Weichbild einer Ortschaft. Die Hauptkrux ist aber die strassenseitige Erschliessung – ein Problem, das auch mit allen Mobilitäts- und Erschliessungskonzepten nicht annähernd zufriedenstellend zu lösen ist.

Heutige Situation beim Problemknoten Land-/Bahnhofstrasse bei der Bahnschranke.

Die heutige Landi mit dem Laden vis—vis der Barriere und den übers südliche Bahnhofareal verstreuten Lagerschuppen und Freilagerflächen ist gewiss nicht mehr zeitgemäss, und das unter allen Gesichtspunkten. Sicher passt sie nicht mehr in das Shop-Konzept des mächtigen Agrokonzerns Landi. Der Laden mit den Parkplätzen davor sowie der gegenüberliegende Lagerschuppen mit einer Freilagerfläche sind aber auch ursächlich für das hässliche und gefährliche Verkehrs-Chrüsimüsi am Hauptzugang zum Bahnhof und zum Gewerbegebiet.

Aber leider ist es nicht so, dass mit dem Neubau weiter hinten im Gewerbegebiet alles besser wird. Zwar eröffnet sich die Chance, das Chrüsimüsi im Zugangsbereich des Bahnhofs etwas zu entwirren. Weil aber der neue Fachmarkt samt Tankstelle und Lebensmittelshop (auch Sonntags- und Spätabend-Verkauf möglich!) erheblichen Mehrverkehr generiert – man spricht von über 1000 Fahrten (500 Zu- und 500 Wegfahrten) pro Tag – entstehen neue Probleme.

Gemäss einem Verkehrsgutachten wird der Betrieb der neuen Landi nicht gleich zu einem totalen Verkehrschaos führen. In der Morgen- und vor allem in der Abendspitze, wo heute schon oft ziemlich prekäre Verhältnisse herrschen, wird die Belastung des Knotens Land-/Bahnhofstrasse kritisch. Baulichen Massnahmen sollen das totale Chaos verhindern. Eine Linksabbiegespur in der Bahnhofstrasse soll bei geschlossener Barriere die freie Wegfahrt in Richtung Dorf ermöglichen, und auf einem Mehrzweckstreifen zwischen den Fahrbahnen der Landstrasse (von der Einmündung der Dorfstrasse bis zur Barriere) sollen Linksabbieger einspuren und den Verkehr in Richtung Wettingen nicht zusätzlich behindern.

Selbst wenn dadurch das totale Chaos verhindert werden kann: Passt ein neu verursachtes Fast-Chaos in ein Dorf, das sich eine Verbesserung der Lebensqualität seiner Bevölkerung auf die Fahne geschrieben hat?

Das Kernproblem ist und bleibt, dass das Gewerbegebiet Grosszelg aus heutiger Sicht eigentlich am falschen Ort liegt. Früher war die Bahnhofsnähe für die Spedition von Gütern noch wichtig. Heute ist die Bahnnähe nur noch ein Hindernis. Für die strassenseitige Erschliessung des Gewerbegebietes lässt sich so nahe der SBB-Barriere nie und nimmer eine auch nur einigermassen befriedigende Lösung finden.

Ausgerechnet in einem solchen Gebiet neu eine Verkaufsnutzung auf grosser Fläche zu ermöglichen, ist mehr als fragwürdig. Der Landi-Fachmarkt ist ja nicht allein für die Würenloser Kundschaft gedacht. Für diese bräuchte es nicht rund 50 Parkplätze – rund fünfmal mehr als beim heutigen Laden. Wenn der Gemeinderat die Meinung vertritt, die Ansiedlung der Landi am neuen Standort liege im öffentlichen Interesse, hat er das Wohlergehen der Gemeinde aus den Augen verloren. Es geht primär ums Wohlergehen des Landi-Konzerns. Unter einem noch grösseren Verkehrspuff bei der Barriere werden nicht zuletzt die heute schon im „Grosszelg“ ansässigen Gewerbebetriebe leiden.

Dazu kommt, dass die vom Kanton im Zusammenhang mit dem Landi-Bauvorhaben energisch geforderte Privilegierung des Verkehrs auf der Landstrasse weitreichende Folgen hat. Der Kanton hat das in einer ersten Fassung längst vorliegende Konzept für eine Neugestaltung der Landstrasse überarbeitet. Bei Publikation dieses Artikels, 10 Tage vor der Abstimmung über die Lex Landi, weiss die Öffentlichkeit noch nicht, wie es im Detail aussieht. Zu erwarten ist, dass wegen des langen Mehrzweckstreifens im Landstrassenabschnitt Dorfstrasse bis Barriere keine Radstreifen mehr Platz finden. Wegen der neuen Landi also null Sicherheitsgewinn für den Langsamverkehr (z.B. Bez-Schüler)!

Wesentlich mehr im öffentlichen Interesse als die Lex Landi liegt die Doppelvorlage für einen zentralen Werkhof des Bauamtes und der Technischen Betriebe im neuen Gewerbegebiet Tägerhard. Mit einem zweifachen Ja – zum Baurechtsvertrag mit der Ortsbürgergemeinde und zum Verpflichtungskredit von rund 5 Millionen Franken (1,9 Mio. Franken hat die Einwohnergemeinde zu übernehmen) können TBW und Bauamt ihren Betrieb effizienter gestalten. Heute sind ihr Material, ihre Fahrzeuge und Maschinen an diversen, teils eher ungeeigneten Standorten untergebracht.

Nach Bezug des Werkhofs wird eine ziemlich grosse Fläche im Gemeindehaus frei für andere Nutzungen durch die Gemeindeverwaltung. Zudem entfallen Mietausgaben und auch für die Nutzung der historischen Zentrumsscheune eröffnen sich neue Möglichkeiten.

Auch Asylsuchende gärtnern im Garten jEden

Am Würenloser Früeligsmärt sind die Hochbeete der Aktion Garten jEden bepflanzt worden. Die Aktion wird nun schon zum zweiten Mal von der Jugendarbeit der Region in diversen Gemeinden durchgeführt. Unter den Würenloserinnen und Würenlosern, welche Hochbeete in unserer Gemeinde betreuen, sind neu auch Bewohner der Asylunterkunft Wiemel. Unter fachkundiger Anleitung von Gärtnermeister Thomas Hotz waren zwei der jungen Männer am Früeligsmärt fleissig am Werk. Sie bepflanzten nicht nur jene zwei Beete, die noch gleichentags vor der Asylunterkunft am Rande des Schwimmbadparkplatzes aufgestellt wurden,sondern auch gleich noch das Hochbeet der Kochschule.

Unter der Obhut der Asylsuchenden gedeihen die gepflanzten Gemüse, Salate und Erdbeeren prächtig. Dereinst dürfen sie gemäss den Zielen der Aktion Garten jEden auch von Passanten geerntet werden. Zudem sollen sie den Speiseplan der jungen Männer bereichern, von denen die meisten nun schon anderthalb Jahre in der unterirdischen Zivilschutzanlage leben. Diejenigen unter ihnen, die in Sprachkursen und schulischen Integrationsprogrammen teilweise erstaunlich rasch Deutsch gelernt haben, freuen sich über Kontakte mit der Bevölkerung, wagen es aber oft nicht, den ersten Schritt zu tun.

Asylsuchende aus dem Würenloser „Untergrund“ werden sich der Würenloser Bevölkerung in den kommenden Monaten noch einige Male in Erinnerung rufen. So etwa als freiwillige Helfer am bevorstehenden Kreisturnfest und an der 1- August-Feier. Im September dann werden Würenloserinnen und Würenloser eingeladen sein, gemeinsam mit Asylsuchenden im Gmeindschäller einen feinen Znacht zu kochen und zu geniessen.

(Dieser Text erschien in etwas kürzerer Form bereits in der „Limmatwelle“).

455 Tage im Untergrund sind genug

Eine Nachfolgelösung für die Asylunterkunft im Wiemel ist dringend.

Alles andere als eine Luxusbleibe: Schlafraum in der Zivilschutzanlage Wiemel vor dem Einzug der ersten Asylsuchenden.
Am 28. Februar waren 455 Tage vergangen, seit die ersten Asylsuchenden die Zivilschutzanlage Wiemel bezogen haben. Mittlerweile leben, wenn die Angabe im «Badener Tagblatt» vom 21.2.18 stimmt, 26 junge Männer in der unterirdischen Unterkunft. Sie stammen aus Ländern wie Afghanistan, Eritrea, Somalia, Syrien, Sri Lanka und Sudan.

Es sind unterschiedlichste Menschen: Die einen sind wissbegierig und sprechen überraschend gut Deutsch, andere haben null Bock auf irgendwas. Es gibt Lebenstüchtige und solche, die das Leben im fremden Land gänzlich überfordert, Freundliche und Unnahbare. Rund ein Dutzend hat keine Tagestruktur, keinerlei Beschäftigung. Eine knappe Mehrheit besucht Sprach- oder Integrationskurse oder haben einen Job. Die meisten erleben nun schon den zweiten Winter im Wiemel. Ich beneide sie nicht.

Die Wiemel-Bewohner sind keine Kurzaufenthalter. Bei einigen steht der Asylentscheid noch aus, überwiegend sind es aber vorläufig Aufgenommene (mit Ausweis F). «Vorläufig» ist ein dehnbarer Begriff. Er bedeutet bei den meisten dieser Menschen «noch auf Jahre hinaus» oder «für immer». Asyl erhielten sie nicht, aber sie dürfen so lange hier bleiben, als die Rückführung ins Herkunftsland gegen die Menschenrechte verstossen würde oder aus praktischen Gründen unmöglich ist.

Unterirdische Unterkünfte bedeuten für die Bewohner eine zusätzliche Belastung und erschweren die Integration. Schon aus humanitärer Sicht also fragwürdig, sind sie es auch rechtlich. Aus wohnhygienischen Gründen – Gefährdung der physischen und psychischen Gesundheit! – verbieten die kantonalen und kommunalen Bauvorschriften generell das Wohnen und Schlafen in Räumen ohne Fenster ins Freie. Warum soll es bei männlichen Asylanten erlaubt sein? – Sind sie Menschen 2. Klasse?

Die Behörden haben Einiges getan, um die Nachteile des Lebens im Untergrund abzufedern. 2 Container dienen als Aufenthaltsraum mit Tageslicht und Internetzugang. Ein Töggelikasten oben und eine TV-Ecke mit Polstergruppe im Bunker unten – und Schluss ists mit der Gemütlichkeit. Die 26 Männer teilen sich 2 Schlafräume (jetzt soll ein 3. dazu kommen), einen Ess- und Aufenthaltsraum, eine Küche. 2 Duschen, 4 WC-Kabinen, 1 Waschtrog mit Kaltwasser, 1 Waschmaschine, 1 Tumbler. 1 schmaler Schrank pro Bewohner – erst jetzt werden aufbruchsichere Schlösser montiert. Kleider oder Lebensmittel aus dem gemeinsamen Kühlschrank würden laufend stibietzt, klagen Bewohner. Das schmerzt, wenn man rund 9 Franken pro Tag für Essen, Bekleidung, Handy zur Verfügung hat.

Eine WG dieser Grösse, Art und Dauer würde wohl auch dann mehr schlecht als recht funktionieren, wenn sie aus 26 jungen Schweizern bestünde. (Jeder Militär-Feldweibel könnte ein Lied davon singen.) Die Gemeinde hat eine spezialisierte Privatfirma (abs Betreuungsservice AG) mit der Betriebsführung der Unterkunft beauftragt. Rund 3 Stunden pro Tag – das aber nur von Montag bis Freitag – ist ein Betreuer vor Ort. An den Wochenenden sind die Bewohner weitgehend sich selbst überlassen. Angesichts aller Umstände ist diese Präsenzzeit zu knapp bemessen.

Die Bewohner haben null Privatsphäre. Halten sich auch nur einige Wenige nicht an die Regeln, leiden alle darunter. Jene, die am Morgen früh zur Arbeit oder zur Schule gehen müssen, klagen über häufige Nachtruhestörungen. Die Wohnverhältnisse erschweren somit paradoxerweise gerade jenen Flüchtlingen das Leben, die sich einen Platz in unserer Gesellschaft erarbeiten wollen und das mit bewundernswertem Elan.

Die Zivilschutzanlage war als Übergangslösung vertretbar, als die Gemeinde 2016 Knall auf Fall eine grössere Anzahl Asylbewerber aufnehmen musste und im Dorf keine anderen Unterkünfte finden konnte. Nun aber ist es höchste Zeit, den Asylsuchenden menschenwürdigeren Wohnraum zu geben. Doch bis jetzt hat der Gemeinderat keine solche Absicht bekundet.

Eine unserem hablichen Dorf angemessenere Asylunterkunft wäre keine Kuschelpolitik. Sie läge in unserem ureigensten Interesse. Denn nur sieben Jahre lang nach Einreise eines vorläufig Aufgenommenen kommt der Bund für dessen Kosten auf, danach wird die Gemeinde zahlungspflichtig. Unsere Sozialhilfe-Ausgaben werden also explodieren, wenn bis dahin nicht eine grössere Zahl der Wiemel-Bewohner ins Erwerbsleben gebracht werden kann. Und dazu leisten zumutbare Wohnverhältnisse – weg vom Massenlager – einen nicht zu unterschätzenden Beitrag.

Der finanzielle Aspekt allein schon rechtfertigt eine Investition der Gemeinde in eine bessere Unterkunft. Wenn sich keine preisgünstigen Wohnungen und Häuser mieten oder kaufen lassen, muss die Gemeinde nolens volens den Bau einer geeigneten Unterkunft ins Auge fassen.

Die Gemeindebehörden haben wiederholt verlauten lassen, seit Inbetriebnahme der Flüchtlingsunterkunft habe es keine Beanstandungen oder negativen Meldungen gegeben (so letztmals Gemeindeschreiber Daniel Huggler in der AZ vom 21.2.18). In der Tat hat die Sicherheit im Dorf nicht gelitten und selbst Nachbarn im Wiemel nehmen von den Asylsuchenden kaum Notiz.

Das stellt den Asylsuchenden insgesamt ein recht gutes Zeugnis aus. Eine „aus den Augen aus dem Sinn“-Mentalität wird ihnen darum nicht gerecht. Ob wir ihnen weiterhin prekäre Wohnverhältnisse zumuten wollen, müssen wir mit unserem Gewissen ausmachen. Mir wäre es wohler, wir wären in dieser Hinsicht ein Vorzeigedorf.

Der Autor stützt sich auf Beobachtungen und Erfahrungen, die er seit November 17 als Teil eines kleinen Freiwilligenteams gemacht hat, das jeweils am Sonntagnachmittag jene Bewohner der Asylunterkunft Wiemel, welche den Kontakt zu Leuten im Dorf suchen, zum Gespräch trifft.